Europa – it’s payback time, bitch

Monate vor der Wahl haben wir deine PR-Kampagnen gestützt. Haben uns fair produzierte EU-Hoodies übergezogen, sind mit Hashtags auf Facebook und Instagram für dich in die Bresche gesprungen, um deine Werte zu propagieren. Auch an Familientischen haben wir uns in deinem Namen gegenüber rassistischen Tanten und Naziopas durchgesetzt und bei Straßendemos haben wir deine Flagge gehisst. Zuletzt haben wir bei der Europawahl die Wahlbeteiligung auf 50 % hochgerockt.

It’s payback time bitch. And you know it too.

Das alles haben wir in dem Wissen getan, dass du zu dem stehst, was du uns versprochen hast. Wohlstand, Geschlechtergerechtigkeit, das Ende des Mittelmeersterbens. Dabei ging es auch darum, dass du in Fragen rund um Flüchtlingsbewegungen aus der Natur deiner Entscheidungen Menschlichkeit beweist. Also: kein langfristiges Taktieren gegenüber Despoten, sondern die sofortige Rettung all jener, die Schutz suchen. Keine vage Lösung auf lange Sicht, sondern kurzfristige Rettungspakete für Geflüchtete und NGOs, die auf ihrem Rücken deine Prügel einstecken müssen. Aber diesen Vertrauensvorschuss hast du nicht eingehalten – und damit eine Armada an blauen Hoodiehipstern gegen dich gewandt. Das klingt wie eine lächerliche Drohung, zugegeben. Es ist aber gefährlich in Zeiten, in denen earned media in den sozialen Medien den Kapitalismus und damit auch Wahlausgänge anführt.

Dabei ist Griechenland ist nur ein weiteres Symptom einer langanhaltenden Krise der europäischen Werte, die in Lampedusa, und Calais nur partielle Höhepunkte erfahren hat. Die Gewalt hat auf Lesbos eine neue Dimension erreicht, weil sie ungestraft von Bürgerinnen ausgeführt werden darf, die die Rolle einer nicht verabschiedeten Exekutive einnehmen – gegenüber denen, die von nichts anderem geschützt werden als einer Rettungsweste. Genau jetzt werden Flüchtlinge von Rechtsradikalen angegriffen, es werden NGO-Mitarbeiterinnen und Journalistinnen attackiert. Und du sprichst von Grenzschutzproblemen, Europa? Nein, aus dir spricht sogar absolute Tatenlosigkeit.

Eine paneuropäische Lösung wird bei Themen wie dem Brexit und dem Coronoavirus in den Vordergrund gestellt. In Flüchtlingsbewegungsfragen sind es immer wieder einzelne Ländern, die in ihrer Aufnahmekapazität belastet werden aufgrund ihrer geografischen Lage und andere, die sich heraushalten. Jetzt dreht Griechenland sogar völlig durch mit dem Stopp von Asylverfahren. Am Ende wird in Brüssel wieder nur in geheizten Räumen und gebügelten Anzügen diskutiert, wie es weitergeht – das alles mal wieder viel zu spät.

Was können wir, die angeblich unpolitische Generation Europa, jetzt machen? Wir können Demonstrationen organisieren, spenden, Online-Petitionen einreichen. Sicher, das alles ist längst erprobt. Vielleicht müssen wir aber auch radikaler werden, indem wir die Europäische Union dafür massiv angreifen, was sie nicht eingelöst hat. Dass sie unsere Unterstützung kostenlos durch Social Media Posts vor der letzten Wahl entgegen genommen hat, aber jetzt nicht für die Werte, die diese Generation mit der Wahl klar gefordert hat, einstehen will. Wir priviligierten Europäerinnen können uns eine Zugfahrt nach Brüssel doch locker leisten.

Die teils naive, teils rührselige Hoffnung auf eben diese Einhaltung der Werte, die dieses Europa uns als Generation versprochen hat; die in unseren Hoodies in EU-Farben nahezu mit eingestickt worden sind, verblasst rapide bei den Bildern, die wir auf Lesbos und an der griechisch-türkischen Grenze mit an sehen müssen. Zum Teil haben wir uns das selbst zuzuschreiben, da wir nicht genauer hinsehen wollten, da wir naiv waren, da wir in diesem Europa fälschlicherweise ein Fünkchen Anstand gesehen haben, welches sich meist nur bei Themen zeigt, die nur dieses (Unions-) Europa betreffen. Aber auch unter den Hipsterhoodies der jungen Europäerinnen stecken teils hochpolitische Menschen, die so viel mehr in die Versprechen vor der Wahl 2019 gesteckt haben, als die Hoffnung auf sinkende Roamingkosten und Billigflüge nach Barcelona. Diese Wählerinnen zu enttäuschen wäre ein großer Fehler. Sie sind vielleicht die letzten, die die Institutionen der EU in diesen Tagen noch auf ihrer Seite wähnen. Aber irgendwann ist auch das vorbei. Dann ziehen endlich Tausende nach Brüssel, um das zurückzufordern, was ihnen für die Geflüchteten vor Europas Mauern versprochen wurde. Hoodies gegen Anzüge: Es braute sich vielleicht die Revolution der Netten aus dem Altbau nebenan zusammen. Es zeigte sich erneut, dass gerade stille Wasser tief sein können. Sie schreien für alle, die darin umgekommen sind.