Was das Lesen mir bedeutet

Bevor ich eine Entscheidung treffe, bevor ich mich wahrhaftig auf etwas einlasse, muss ich erst einmal darüber lesen. Ich gehe dann in die Bibliothek der Stadt, leihe so viel aus, wie ich tragen kann, und dann lese ich – lese ich alles, was ich verschlingen kann. Ich kann kaum noch Entscheidungen treffen, ohne, dass ich etwas dazu gelesen hätte. Allerdings hat das nichts damit zu tun, dass ich eine Affinität zum Analytischen hätte. Noch, dass ich mich für besonders schlau halte. Nein, ich glaube nur fest daran, dass ich nicht falsch liegen kann mit Dingen, die proasisch durchdacht worden sind; die mich vom Papier aus ansprechen und damit unumstößlich als meine momentane Wahrheit gelten.

Ich gestehe, das mit dem Lesen ist in den letzten Monaten ein bisschen aus dem Ruder laufen. Seitdem ich morgens schwerer aus dem Bett komme, lese ich fast jeden Tag ein Buch. Es kommt dabei natürlich ganz auf die Länge an, aber auch die sogenannten dicken Wälzer verschlinge ich innerhalb von Tagen, ich schaue dabei immer auf die Uhr, immer auf die Seitenzahl. Es ist, als sei ich gehetzt, dabei hat mich niemand aufgefordert in einem Jahr über 300 Bücher zu lesen, es ist einfach so passiert. Ich frage mich nicht, wie lange ich noch leben werde. Ich frage: Wie lange werde ich noch lesen können?

Wenn andere Menschen ihre schlechten Gedanken ignorieren wollen, greifen sie meistens zu ihrem Telefon, ich aber greife zu den Büchern. Bücher, Romane wohlgemerkt, gaukeln mir außer ihrer Fiktionalität nichts weiter vor; alles, was dort geschrieben steht, bleibt haften, die Geschichte, wenn sie gut gemacht ist, wirkt von sich aus schlüssig und es gibt nichts, was ich später darüber erfahren werde. Natürlich kann ich selbst etwas hinein interpretieren, aber ich habe kein Gegenüber, dass mir nach Wochen plötzlich eine ganz andere Wahrheit entgegen klatscht, mich für etwas anklagt, was lange vergangen ist. Das Buch ist gedruckt und wird weiterhin so bestehen. Das Buch hat mich noch nie belogen.

Ich wollte zu meditieren anfangen, schiebe es aber auf, weil ich mir noch keine Literatur dazu ausgeliehen habe. Ich denke schon länger darüber nach ein Buch über Gewalt an Frauen fertig zuschreiben, es hält mich alleine auf, dass ich die Lektüre dazu noch nicht beendet habe. So vergehen die Abende – die Tage sind meist voll mit Arbeit, die übrigens auch zum Großteil mit Lesen zu tun hat – auch lese ich schon am frühen Morgen, auf der Toilette, am Frühstückstisch. Mir fällt es schwer, mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Unterhaltungen halte ich nurmehr aufrecht, wenn ich weiß, dass ich später im Bett lesen kann, die wahre Nachtruhe finde ich zwischen den Seiten. Ich lese aber auch auf meinem eigens eingerichteten Sessel am Fenster, manchmal zieht es mich an den Küchentisch oder auf das Sofa, aber es wird der Außenwelt schwer fallen, mich ohne ein Buch anzutreffen. Eher verliere ich einen Arm. So vertreibe ich mir auch das Warten an der Haltestelle, im Wartezimmer, im Zug durch Europa.

Ich glaube nicht an Esoterik, aber ich glaube daran, dass Romane mich retten können. Ich glaube, dass ich – solange ich darüber gelesen habe – alles im Leben schaffen kann. Ich kann jeden Feind besiegen, auch die Feindin in mir selbst. Ich kann jeden schlechten Tag überleben, wenn da nur ein gutes Buch auf dem Nachttisch auf mich wartet. Ich werde immer einschlafen können, solange mich Jelinek, Elsner und Lispector mit ihren Worten in den Schlaf wiegen. Solange ich lese, ist die Nacht noch nicht verloren.

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