Gedanken über Osnabrück aus dem Wiener Lockdown

Einreisen kann ich als Wahlwienerin offiziell nur unter Quarantäneauflagen; 10 Monate war ich nicht mehr in Osnabrück. Und während sich die Hälfte der Stadt fragt, wann die Ausgangssperre kommt, wundere ich mich, warum man die schönsten Träume von Osnabrück im Wiener Lockdown träumt.

„Osnabrück? Wo ist das denn?“, fragen mich die Wienerinnen jedes Mal, wenn ich ihnen von meiner Heimatstadt erzähle. Ich sage dann, dass das bei Hamburg liegt, denn Hamburg kennt man überall, und jede von uns, die einem Haufen US-Amerikanerinnen im Thailand-Urlaub schon mal erklären musste woher sie kommt, weiß, wovon ich rede.

Aber wer seine Jugend in Hamburg verbracht hat, der wird nicht verstehen, was wir in Osnabrück erlebt haben – wir, die am EMA oder im Schinkel zur Schule gegangen sind, um uns freitagabends in den Clubs in Güterbahnhofsnähe die Snobs vom Carolinum schönzusaufen. Ausgestattet mit Red-Bull-Wodka in der Hand und Cola-Korn kümmerte es uns nicht, ob wir uns mit denen aus Walle oder vom Westerberg besoffen: In der Nacht war in dieser Stadt alles möglich.  

Im Wiener Lockdown wirkt das alles so weit weg, und ich glaube, es kommt nie wieder. Vielleicht kann ich meine Familie in zwei oder drei Monaten sehen, vielleicht erst zu Weihnachten, wer weiß das schon. Gestern und heute sind nicht mehr, alles ist nur noch mein gelbes Sofa. Deswegen träume ich so viel von meinen Schuljahren in letzter Zeit: Es ist mein Unterbewusstsein, das das kleine Osnabrücker Nachtleben in meinem Kopf zu etwas Großem heraufbeschwört. So wird es zu einem Mythos, den es so wahrscheinlich nie gegeben hat.

Damals mit 18 hatten wir dummen weißen Kids noch keine Ahnung vom Klassenunterschied – und ich meine nicht den zwischen der 11a und 11b. Wir wussten nicht, dass es etwas bedeutete, ob du aus einem Bildungsbürgerhaushalt aus dem Katharinenviertel kommst oder aus einem Gastarbeiterplattenbau in Haste. Aber spätestens als es darum ging, wer Medizin oder Jura in München studieren sollte, wurde klar, dass Herkunft doch etwas zählt. Nicht nur deswegen haben die mit Talent, aber ohne die nötigen Kontakte die Stadt Richtung Berlin und Castrop-Rauxel verlassen, um sich an Weihnachten in der Kleinen Freiheit immer wieder in den alten Geschichten zu ertränken.  

Aber was machten diese Unterschiede damals im Mondflug, im Sonnendeck, was zählte das in der Freiheit, wo wir Wochenende für Wochenende unser Osnabrücker Glück fanden und dachten, es würde ewig so weitergehen? Sehr wohl zählte das alles etwas im Alando, wo vermutlich der hochgestellte Kragen erfunden wurde und die Türsteher das Hausrecht so aggressiv gegen Migratinnen durchprügelten, dass ich mich heute noch schäme, dort jemals mit langweiligen Biodeutschen abgestürzt zu sein.

In den vielen anderen Clubs war so viel Liebe in der Luft, so lange bis die letzten von uns grölend in die Altstadt zogen und der Nebenjob im Callcenter alleine deswegen Sinn ergab, weil genug Geld übrig war, um dem Opa in Gerdas Frühgaststätte einen Sambuca auszugeben. Jetzt, da kein Club mehr aufhat, jetzt, da niemand mehr tanzen geht, meine ich, dass die Tanzflächen von Osnabrück mich am besten gehalten haben.

Ich erinnere mich an ein Cäthe-Konzert im Rosenhof mit meiner besten Freundin. Die Hälfte hatten wir bereits verpasst, weil der Wein so billig war und wir uns so lange nicht gesehen hatten. Als wir es doch noch in den leeren Moshpit schafften, weil Osnabrück so eine seltsame Mischung an echtem Musikverständnis und vollkommener Ignoranz an den Tag legen kann, tanzten wir zu Ich muss gar nichts. Das haben wir gelernt in Osnabrück, wo sowieso jeder über jede redet: Wir lernten so zu sein, wie Jungs immer schon sein durften. Wir überholten sie sogar, denn meine beste Freundin und ich waren immer noch die Lautesten an der Theke. Und unsere Schwestern in der Freiheit und im Mondflug waren noch viel lauter.

Aber in einer Stadt, die 50 Wörter für Regen hat, müssen zwangsläufig Menschen leben, die gerne reden. Dieses unnachahmliche Sabbeln habe ich in meinem Wiener Lockdown oft im Ohr. Ich erinnere mich, wie ich 2019 auf dem Weihnachtsmarkt am Dom überhörte, wie eine Frau ihren Mann fragte, ob er „Schampingjons“ essen wolle.
„Die mach ich doch gar nicht“, antwortet er darauf schroff, was bei uns nicht heißt, dass er sie selber nicht zubereitet, sondern dass er sie einfach nicht mag. In Osnabrück überhörst du solche Gespräche dauernd, weil dir jeder alles platt vorn Kopf sagt. Da schlägt das Norddeutsche durch, da isst man nichts, was man nicht mag – und man sagt nichts, was man nicht denkt.

Selbst, wenn es mich viele Nerven gekostet hat und vieles in dieser Stadt so kleingeistig sein kann, dass die Flucht nach Wien der einzige Ausweg schien: In den letzten Jahren hatte ich wegen Osnabrück öfter Pipi in den Augen, als ich es zugeben wollte. Weil ambitionierte Linke die AfD vom Rathausplatz pfiffen oder weil die Stadt die ersten geflüchteten Kinder aus Moira aufgenommen hatte. Auch jetzt gehörte Osnabrück zu den ersten deutschen Städten, die kostenlose Corona-Teststationen einführten, um Cluster zu durchbrechen und andere zu schützen. Das linke Osnabrück, das gegen soziale Probleme, Rassismus und die Ungleichheit der Geschlechter kämpft; das ist jenes, von dem ich meinen Wiener Freundinnen am liebsten erzähle. Nur diesem fühle ich mich noch zugehörig.

Und wenn solche Nachrichten auch in Wien groß in den Medien sind, sage ich: „Osnabrück ist übrigens meine Heimatstadt.“
Auf die Nachfrage, wo zum Teufel das denn sein soll, füge ich nur noch leise hinzu: „Irgendwo bei Hamburg halt.“


 [LN1]https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/2088636/afd-demo-vor-dem-osnabruecker-rathaus-von-gegnern-uebertoent

 [LN2]https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-04/fluechtlinge-griechenland-fluechtlingslager-kinder-aufnahme-osnabrueck

 [LN3]https://taz.de/Auf-der-Suche-nach-Infizierten/!5748510/

Was das Lesen mir bedeutet

Bevor ich eine Entscheidung treffe, bevor ich mich wahrhaftig auf etwas einlasse, muss ich erst einmal darüber lesen. Ich gehe dann in die Bibliothek der Stadt, leihe so viel aus, wie ich tragen kann, und dann lese ich – lese ich alles, was ich verschlingen kann. Ich kann kaum noch Entscheidungen treffen, ohne, dass ich etwas dazu gelesen hätte. Allerdings hat das nichts damit zu tun, dass ich eine Affinität zum Analytischen hätte. Noch, dass ich mich für besonders schlau halte. Nein, ich glaube nur fest daran, dass ich nicht falsch liegen kann mit Dingen, die proasisch durchdacht worden sind; die mich vom Papier aus ansprechen und damit unumstößlich als meine momentane Wahrheit gelten.

Ich gestehe, das mit dem Lesen ist in den letzten Monaten ein bisschen aus dem Ruder laufen. Seitdem ich morgens schwerer aus dem Bett komme, lese ich fast jeden Tag ein Buch. Es kommt dabei natürlich ganz auf die Länge an, aber auch die sogenannten dicken Wälzer verschlinge ich innerhalb von Tagen, ich schaue dabei immer auf die Uhr, immer auf die Seitenzahl. Es ist, als sei ich gehetzt, dabei hat mich niemand aufgefordert in einem Jahr über 300 Bücher zu lesen, es ist einfach so passiert. Ich frage mich nicht, wie lange ich noch leben werde. Ich frage: Wie lange werde ich noch lesen können?

Wenn andere Menschen ihre schlechten Gedanken ignorieren wollen, greifen sie meistens zu ihrem Telefon, ich aber greife zu den Büchern. Bücher, Romane wohlgemerkt, gaukeln mir außer ihrer Fiktionalität nichts weiter vor; alles, was dort geschrieben steht, bleibt haften, die Geschichte, wenn sie gut gemacht ist, wirkt von sich aus schlüssig und es gibt nichts, was ich später darüber erfahren werde. Natürlich kann ich selbst etwas hinein interpretieren, aber ich habe kein Gegenüber, dass mir nach Wochen plötzlich eine ganz andere Wahrheit entgegen klatscht, mich für etwas anklagt, was lange vergangen ist. Das Buch ist gedruckt und wird weiterhin so bestehen. Das Buch hat mich noch nie belogen.

Ich wollte zu meditieren anfangen, schiebe es aber auf, weil ich mir noch keine Literatur dazu ausgeliehen habe. Ich denke schon länger darüber nach ein Buch über Gewalt an Frauen fertig zuschreiben, es hält mich alleine auf, dass ich die Lektüre dazu noch nicht beendet habe. So vergehen die Abende – die Tage sind meist voll mit Arbeit, die übrigens auch zum Großteil mit Lesen zu tun hat – auch lese ich schon am frühen Morgen, auf der Toilette, am Frühstückstisch. Mir fällt es schwer, mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Unterhaltungen halte ich nurmehr aufrecht, wenn ich weiß, dass ich später im Bett lesen kann, die wahre Nachtruhe finde ich zwischen den Seiten. Ich lese aber auch auf meinem eigens eingerichteten Sessel am Fenster, manchmal zieht es mich an den Küchentisch oder auf das Sofa, aber es wird der Außenwelt schwer fallen, mich ohne ein Buch anzutreffen. Eher verliere ich einen Arm. So vertreibe ich mir auch das Warten an der Haltestelle, im Wartezimmer, im Zug durch Europa.

Ich glaube nicht an Esoterik, aber ich glaube daran, dass Romane mich retten können. Ich glaube, dass ich – solange ich darüber gelesen habe – alles im Leben schaffen kann. Ich kann jeden Feind besiegen, auch die Feindin in mir selbst. Ich kann jeden schlechten Tag überleben, wenn da nur ein gutes Buch auf dem Nachttisch auf mich wartet. Ich werde immer einschlafen können, solange mich Jelinek, Elsner und Lispector mit ihren Worten in den Schlaf wiegen. Solange ich lese, ist die Nacht noch nicht verloren.

Wiener Wohnzimmer

Als Kind hatten meine Eltern mich nie auf mein Zimmer geschickt, wenn ich Blödsinn verzapft hatte. Daher war ich dieser Räumlichkeit freundlich gegenüber eingestimmt und ließ mich in diesem Frühling, der für uns alle ein riesiger Einschnitt in unser Leben war, von einer Reise durch mein Zimmer einnehmen.

Eine Wand aus warmer Luft lag vor meinem Gesicht und drohte von hier aus mein Gehirn zu benebeln. Ich sehnte mich nach dem kalten Wind auf der Straße, der manchmal durch Wien zog. Ich brauchte Abkühlung und dachte an den Sprinkler im Garten meiner Eltern, an mein Elternhaus, alles verkauft, und damit fort. Dieser Raum für immer verschlossen.

Ich erinnerte mich an jeden Sommer meiner Kindheit, in dem ich abends dafür gebetet hatte, niemals meine Periode zu bekommen, wenn ich Stunden zuvor zu einem klingelnden Eiswagen gelaufen war, um mir zwei Kugeln Vanilleeis für achtzig Pfennig zu kaufen. Sechs Wochen Ferien vorbei und ich nicht älter geworden, keine Periode bekommen, nur ein Autounfall in der Umgebung, ein Mensch weniger auf dieser Welt.

Ich saß auf meinem neuen senfgelben Sofa und legte alle Karten vor mir selber offen. Ich ließ mich auf diese erste Reise in meine Erinnerung ein und dachte darüber nach, wo ich im letzten Sommer gelandet war, als ich noch nicht in Wien lebte, als wir alle noch an die heilende Kraft des Sommers geglaubt hatten.

Ich lag plötzlich in einer Hängematte in Leticia, einem Grenzdorf Kolumbiens. Ich fuhr auf einem Dampfer auf dem Amazonas, der in Richtung Belem unterwegs war, das ist die erste große Stadt direkt an der Pazifikküste Brasiliens. Die Tage auf dem Boot wurden schnell langweilig und nach einer Woche war auch noch der letzte von uns Touris spirituell zu sich gekommen. Auf meinem Sofa erinnerte ich mich an das sanfte Ruckeln des Dampfers und die alles in sich aufsaugenden Augen des Regenwalds, der nur in der Nacht zum Babylon der Tierwelt wurde. Über Tag war er stets ruhig geblieben, aber wenn die Sonne untergegangen war, hatte sich vor uns ein Kauderwelsch an Kreischen, Ächzen und Wähnen in unmittelbarer Nähe eröffnet. Das Außenbild aber veränderte sich nicht, der Rio Amazonas wurde entweder breiter oder enger, aber das Wasser hatte mich die gesamten zehn Tage an braunes Spülwasser erinnert, an einen riesigen White Russian, wie gemein, denn der Dampfer fuhr unter christlicher Flagge und Alkohol war gänzlich verboten.

So verbrachte ich die heißen Tage an der Reling am Wasser und die kühlen Nächte auf einer Hängematte. Über mir stapelten sich Kolumbianerinnen und Brasilianerinnen – für sie war der Amazonasdampfer ein Pendelschiff – denen stetig Körpergerüche entwichen, während sie sich vom Rhythmus des Amazonas durchrütteln ließen. Unvergessen blieb mir, auch jetzt, hier vom Sofa aus, der Ausflug, den wir ein einziges Mal mit einer Gruppe ans Festland unternahmen, was äußerst gefährlich war, den zur Abfahrt gab das Schiff nur einen Ton von sich und dann war es meist schon am Horizont verschwunden. So rasten wir auf einen Hügel in einem kleinen brasilianischen Ort, um dort nach einer Art Späti zu suchen. Jeden Stein nahmen wir mit, jedes Holzbrett, dass uns weiter in Richtung Dorf führte, Hunde liefen zwischen unseren Beinen und am oberen Ende der Straße stand eine Hütte, die nicht einmal ein Licht besaß, aber dafür einen funktionierenden Kühlschrank. Wir kauften alles, was wir kriegen konnten, unser Schicksal konnten wir nicht greifen: Wir hatten das kühle Gold gefunden, nachdem wir gefühlte Jahrhunderte gesucht hatten.

Ich sah unser Glück deutlich vor mir, hier auf dem Sofa, das Glück, das solange angehalten hatte, wie die Dose Flüssiges hergab, und mir fiel auf, dass ich erst jetzt begriff, was für ein Abenteuer wir damals wirklich erlebt hatten. Auf meinem senfgelben Sofa breitete sich das frische, aber morastige Grün des Amazonas aus. Umgarnte mich wie eine Zimmerpflanze, wuchs an meiner Haut langsam weiter und immer höher. Alles, was ich zu tun hatte, war es geschehen zu lassen, mich davon vereinnahmen zu lassen. Aber warum überhaupt reisen, wenn sich alles Schöne daran erst im Nachhinein erschließt? Wenn das Glück in dem Moment nicht bei uns ankommt?

Es war spät und de